Anaga-Gebirge:
Der komplette Reiseführer
für Teneriffas grünsten Urwald

Es gibt Orte, die man einmal sieht und nie vergisst. Das Anaga-Gebirge ist einer davon. Ein UNESCO-Biosphärenreservat an der Nordostspitze Teneriffas, in dem moosbehangte Lorbeerbäume über steinerne Barrancos hängen und Bergdörfer existieren, in denen die Zeit langsamer zu laufen scheint. Ein Stück Erde, das vor 8–9 Millionen Jahren aus dem Atlantik auftauchte – und heute als einer der artenreichsten Orte Europas gilt.

Wer das Anaga-Gebirge verstehen will, braucht mehr als eine Kurzbeschreibung. Dieser Reiseführer liefert alles: Wanderrouten, Genehmigungen, Anreise, die beste Reisezeit, Sicherheitsregeln, Gastronomie und die Geschichte des ältesten Massivs Teneriffas.


Was ist das Anaga-Gebirge?

Das Anaga-Gebirge liegt an der Nordostspitze Teneriffas und ist das älteste Massiv der Insel — ein Stück Erde, das vor rund 8–9 Millionen Jahren aus dem Atlantik aufstieg, während der Rest Teneriffas noch nicht existierte. Heute ist das Anaga ein UNESCO-Biosphärenreservat, bedeckt 144 Quadratkilometer und beherbergt einen der letzten Lorbeerwälder Europas: die Laurisilva, ein lebendiges Fossil aus dem Erdzeitalter Tertiär.

Wer von Santa Cruz oder La Laguna aus die TF-12 in Richtung Norden nimmt, erlebt binnen weniger Kilometer einen der spektakulärsten Vegetationswechsel Europas: von der trockenen Küstenebene in einen mystischen Nebelwald aus moosbehangenen Lorbeerbäumen, tiefen Barrancos und einsamen Bergdörfern, in denen die Zeit langsamer zu laufen scheint

Das Anaga ist kein Themenpark, sondern gelebte Landschaft. Über 50 endemische Pflanzenarten wachsen hier, seltene Taubenarten nisten im Lorbeerwald, und in den Dörfern halten Guachinche-Wirte denselben Hauswein aus, den ihre Großeltern gekeltert haben. Man kommt fürs Wandern und bleibt wegen allem anderen — für den Ausblick vom Mirador Pico del Inglés, für den Sonnenuntergang hinter den Felsnadeln von Benijo, für das stille Staunen am Grund eines Barrancos.

Wanderweg durch den Lorbeerwald im Anaga auf Teneriffa

Der markante Roque de Taborno im Anaga-Gebirge auf Teneriffa

Geographie: Was das Anaga-Gebirge ausmacht

Das Anaga-Gebirge erstreckt sich über die Nordostspitze Teneriffas, begrenzt im Westen von La Laguna und Santa Cruz, im Osten vom offenen Atlantik. Sein höchster Punkt ist die Cruz de Taborno mit 1.024 Metern — bescheiden im Vergleich zum Teide, aber durch die komplexe Topographie aus über einem Dutzend tiefer Barrancos und messerscharfer Kämme topographisch anspruchsvoller als jeder andere Teil der Insel.

Fläche: 144,19 km² (Biosphärenreservat, seit 2015) · Höchster Punkt: Cruz de Taborno, 1.024 m · Alter: ca. 8–9 Millionen Jahre · Küstenlänge: ca. 45 km rauer Nordatlantik-Küste

2015 wurde das Anaga als UNESCO-Biosphärenreservat anerkannt — nicht als Weltkulturerbe, sondern wegen seiner außergewöhnlichen biologischen Vielfalt. Die Kombination aus der Laurisilva als tertiärem Waldrelikt, über 1.000 dokumentierten Pflanzenarten (darunter über 50 Endemiten), seltenen Vogelarten und einer intakten Kulturlandschaft mit bewirtschafteten Terrassenfeldern machte die Auszeichnung möglich.

Der Lorbeerwald: Herz des Anaga

Die Laurisilva ist das Herzstück des Anaga — ein Waldtyp, der vor Millionen Jahren ganz Europa bedeckte und durch die Eiszeiten fast vollständig verschwand. In Teneriffa, auf den anderen Kanarischen Inseln und auf Madeira hat er überlebt, weil das milde Atlantikklima und der feuchte Nordostpassat die nötigen Bedingungen erhielten.

Im Anaga wachsen die vier Hauptbaumarten der Laurisilva: der Kanaren-Lorbeer (Laurus novocanariensis), der Til (Ocotea foetens), die Persea indica und der Gagelbaum (Myrica faya). Darunter teppiche aus Farnen der Gattung Woodwardia, die wie Monumente einer anderen Ära aus dem Boden ragen — Relikte, die in dieser Form seit dem Zeitalter der Dinosaurier existieren.

El Pijaral: der besterhaltene Lorbeerwald Europas

El Pijaral gilt als der am besten erhaltene Lorbeerwald der gesamten Makaronesien. Der Zugang ist auf 45 Personen pro Tag beschränkt und erfordert eine kostenlose Vorab-Genehmigung über tenerifeon.es. Wer die Mühe auf sich nimmt, wird mit einem Urwald-Erlebnis belohnt, das andernorts in Europa nicht mehr existiert.

Der markante Roque de Taborno im Anaga-Gebirge auf Teneriffa

Genehmigung 2026

Das Anaga-Gebirge ist ein UNESCO-Biosphärenreservat – ein streng geschütztes Naturschutzgebiet. Die Schutzzonen El Pijaral und Monte de Aguirre sind nur mit kostenloser Vorab-Genehmigung zugänglich. Buchung über tenerifeon.es — montags um 07:00 Uhr (Kanarische Zeit) werden neue Kontingente freigeschaltet. Bei Zuwiderhandlung: bis zu 600 € Bußgeld.

Der markante Roque de Taborno im Anaga-Gebirge auf Teneriffa

Wandern im Anaga-Gebirge: Was das Anaga-Gebirge ausmacht

34 dokumentierte Wanderrouten von leicht bis schwer machen das Anaga zum wichtigsten Wanderrevier Teneriffas. Das Spektrum reicht vom Sendero de los Sentidos (1 km, barrierefrei, für jedes Alter) bis zur anspruchsvollen Küstentraverse Chamorga–Roque Bermejo (13 km, schwer, atemberaubendes Küstenpanorama). Dazwischen liegen Klassiker wie die Taborno-Runde (3,8 km, mit dem spektakulären Roque de Taborno als Wahrzeichen) und die Abstiegswanderung von Afur zur Playa Tamadite.

Die drei wichtigsten Startpunkte sind Cruz del Carmen (erreichbar mit dem TITSA-Bus 910), Chamorga (östlichster Punkt der TF-12) und Punta del Hidalgo (mit Linienbus 945/946 erreichbar). GPS-Offline-Karten sind im Anaga Pflicht — in den tiefen Barrancos gibt es oft keinen Mobilfunkempfang

Sicherheit im Anaga

Die Wege im Anaga können nach Regen rutschig werden, Nebel kann die Orientierung erschweren, und einige Küstenabschnitte sind ausgesetzt. Festes Wanderschuhwerk ist Pflicht. Offline-Karte herunterladen (Wikiloc, OsmAnd oder Sunhikes). Notruf: 112.

Die Dörfer des Anaga: Herz des Anaga

Zehn Dörfer und Weiler verteilen sich über das Anaga-Gebirge, jedes mit eigenem Charakter und eigener Geschichte. Chinamada ist das bekannteste: das einzige bewohnte Höhlendorf Europas, dessen Bewohner noch heute in Häusern leben, die in den Basaltfels gehauen wurden.

Taganana gilt als das älteste Dorf des Anaga: 1501 gegründet, liegt es in einer dramatischen Felsenkulisse am Ende der legendären Serpentinenstraße TF-134. Die Kirche Nuestra Señora de las Nieves aus dem 16. Jahrhundert ist eine der ältesten Teneriffas.

Chamorga markiert das östliche Ende der TF-12 — kein Weiterkommen, nur Wandern, Stille und Atlantik. Taborno liegt auf einem schmalen Grat unter dem Roque de Taborno, dem Matterhorn Teneriffas. Afur ist das terrassierte Bergdorf am Rand der wildesten Schlucht des Anaga, deren Grund die Playa de Tamadite bewacht.

Der markante Roque de Taborno im Anaga-Gebirge auf Teneriffa

Atmosphäre: Warum das Anaga anders ist

In den Dörfern des Anaga läuft das Leben nach anderen Regeln. Hier gibt es noch Seilzüge, mit denen Güter über die Barrancos transportiert werden, Terrassenfelder die seit Jahrhunderten bewirtschaftet werden, und Guachinches — Hausweinlokale, in denen der Wirt einen Tisch herausschiebt, wenn der eigene Wein gut genug ist. Man bestellt keine Karte, man isst was da ist, und man trinkt Listán Negro aus dem Tal.

Anreise: Mit Auto oder Bus

Mit dem Auto

Die TF-12 ist die Kammstraße des Anaga — kurvenreich, spektakulär und stellenweise eng. Wohnmobile und Fahrzeuge über 6 m sind auf der TF-134 (nach Taganana) und TF-145 (nach Taborno) nicht geeignet. Frühe Anreise empfohlen: Parkplätze sind ab ca. 9:30 Uhr voll.

Mit dem Bus

Linie 910 (Santa Cruz → Cruz del Carmen), Linie 945 (La Laguna → Taganana → Almáciga) und Linie 946 (Santa Cruz → Chamorga) erschließen die wichtigsten Startpunkte. Die Ten+-Karte bietet Rabatt.

Empfehlung

Mietwagen (Kleinwagen empfohlen für schmale Bergstraßen) bietet maximale Flexibilität. Wer ohne Auto reist: Bus 910 nach Cruz del Carmen ist ideal als Einstiegspunkt in den Lorbeerwald.


Der markante Roque de Taborno im Anaga-Gebirge auf Teneriffa

Strände und Küste

Die Nordküste des Anaga ist eine der wildesten Küstenlinien Europas: schwarzer Lavasand, haushohe Brandung, zerklüftete Basaltfelsen und dahinter der Nebelwald. Playa de Benijo ist der ikonischste Strand — bekannt für seinen schwarzen Lavasand, die überragenden Roques de Benijo und einen der schönsten Sonnenuntergänge Teneriffas.

Playa de Las Teresitas ist der einzige Sandstrand nahe Santa Cruz — künstlich mit Saharasand aufgeschüttet, mit Wellenbrecher und Rettungsschwimmer saisonal besetzt, ideal für Familien. Playa de Almáciga, Playa de Tamadite (nur per Wanderung erreichbar) und Roque Bermejo (die geheimste Bucht, nur per 13 km langer Küstenrunde) vervollständigen das Strandangebot.

Flora & Fauna: Endemismus im Anaga

Über 50 endemische Pflanzenarten wachsen im Anaga — Pflanzen, die nirgendwo sonst auf der Welt vorkommen. Die bekannteste ist die Kanaren-Glockenblume (Canarina canariensis), deren rötlich-gelbe Blüten von Oktober bis April den Lorbeerwald erleuchten. Das Anaga-Veilchen (Viola anagensis) und mehrere endemische Orchideenarten ergänzen die botanische Rarität.

Die Lorbeertaube — Botschafterin des Lorbeerwalds

Columba junoniae, die Lorbeertaube, ist der Wappenvogel des Anaga-Lorbeerwalds — eine der seltensten Taubenarten der Welt, die fast ausschließlich in der Makaronesischen Laurisilva vorkommt. Morgendliche Wanderungen ab Cruz del Carmen oder El Pijaral bieten die besten Beobachtungschancen.

Die Gallotia galloti insulanagae, die Anaga-Unterart der Teneriffa-Eidechse, kommt ausschließlich auf den Los Roques de Anaga vor — jenen unzugänglichen Felsnadeln vor der Nordostküste, die Naturschutzzone sind und nicht betreten werden dürfen.

Der markante Roque de Taborno im Anaga-Gebirge auf Teneriffa

Kanaren-Glockenblume

Die Kanaren-Glockenblume (Canarina canariensis) erleuchtet von Oktober bis April den Wald mit rötlich-gelben Blüten.

Die Lorbeertaube

Wappenvogel des Anaga ist die Lorbeertaube (Columba junoniae) — eine der seltensten Taubenarten der Welt.

Anaga-Lorbeerwald

Das Anaga-Gebirge auf Teneriffa beherbergt heute einen der am besten erhaltenen Lorbeerwälder der Erde – ein lebendiges Stück Tertiär, mitten im Atlantik.

Geschichte: die Guanchen im Anaga

Die Guanchen — die Urbevölkerung Teneriffas, wahrscheinlich berberischer Herkunft aus Nordafrika — siedelten im Anaga-Gebirge bereits ab ca. 600 v. Chr. Das Anaga war eines der bedeutendsten Siedlungsgebiete und diente in der letzten Phase der spanischen Conquista als Rückzugsraum.

Chinamada gilt als eine der ältesten kontinuierlich bewohnten Siedlungen des Anaga — die Höhlenwohnungen im Basalt könnten guanchischer Tradition entstammen. Roque de Anambro bei Chinobre war ein heiliger Felsdom der Guanchen, der noch heute die Chinobre-Rundwanderung dominiert. Die Terrassenfelder in Afur, Taborno und Los Batanes sind direkte Hinterlassenschaften der guanchischen Landwirtschaft.

in Fels geschlagene Stufen beim Abstieg ins Barranco del Río

Was heute noch sichtbar ist

Wer durch das Anaga wandert, wandert durch eine lebende Kulturlandschaft. Ortsnamen wie Afur, Chinamada, Igueste und Taborno sind guanchischer Herkunft. Im MUNA (Museo de Naturaleza y Arqueología) in Santa Cruz lagern die bedeutendsten Guanchen-Fundstücke Teneriffas — Mumienfunde, Werkzeuge, Petroglyphen. Der Besuch des Museums empfiehlt sich als Ergänzung zu jeder Anaga-Reise.


Sicherheitsvorschriften

Mit Kindern unterwegs

Was man einpackt

Ausblick über das Dorf Taganana vor der Felskulisse des Anaga-Gebirges

Essen & Gastronomie im Anaga

Die kanarische Küche hat im Anaga ihre authentischsten Adressen. Ein Guachinche ist kein Restaurant im klassischen Sinne, sondern ein Hausweinkeller, der temporär öffnet, wenn der Wirt seinen Listán Negro anbieten möchte — erkennbar am Palmwedel über der Tür. Man isst Hausmannskost: Papas arrugadas con mojo (Runzelkartoffeln mit roter und grüner Sauce), Conejo en salmorejo (Kaninchen auf kanarische Art) und Ziegenkäse aus eigener Produktion.

La Cueva in Chinamada ist die bekannteste Gastronomie-Adresse des Anaga: ein echtes Höhlenrestaurant, das in den Basaltfels gehauen wurde. Reservierung empfohlen, da die Plätze begrenzt sind. D.O. Tacoronte-Acentejo ist die älteste Weinbezeichnung der Kanaren — die Weinberge wachsen buchstäblich im Schatten des Anaga-Kamms

Felsformationen an der wilden Nordostküste bei Benijo im Anaga

Reisetipps

Stille Lorbeerwälder, kurvenreiche Kammstraßen und Bergdörfer abseits des Trubels: Das Anaga belohnt alle, die mit dem richtigen Wissen anreisen. Hier finden sich kompakte Tipps zu Anreise, Parken, Reisezeit, Genehmigungen und Sicherheit – damit der erste Besuch im Biosphärenreservat genauso entspannt wird wie geplant.

Von TFN-Anreise und Mietwagen-Tagestouren über TITSA-Buslinien bis zu Casas Rurales, Albergue und Wellness am Anaga-Rand: Die Reisetipps bündeln alles, was es vor dem Aufbruch zu wissen gibt – inklusive Routenideen, Unterkünften und Empfehlungen für Familien, Hundefreunde und Workation-Reisende.


Fazit: Ein Weg, der bleibt

Das Anaga-Gebirge ist das beste Argument dafür, dass Teneriffa mehr als Sandstrände und Sonnenschein ist. Wer einmal in den Nebelwald eintaucht, durch die engen Serpentinen nach Taganana fährt oder von der Playa de Benijo aus den Sonnenuntergang hinter den Felsnadeln beobachtet, versteht, warum Kenner der Insel das Anaga als ihr liebstes Stück Teneriffa bezeichnen. Es braucht keine Woche Urlaub, um das Anaga zu erleben — aber man will danach wiederkommen.