Warum Teneriffa einen der letzten Urwälder hat – die Geschichte der Laurisilva
Der Lorbeerwald des Anaga ist kein gewöhnlicher Wald. Er ist 40 Millionen Jahre alt – im Sinne seiner Zusammensetzung und seiner Herkunft. Vor 40 Millionen Jahren, im Erdzeitalter Tertiär, bedeckte eine ähnliche Laurisilva weite Teile Europas, Nordafrikas und Asiens. Dann kamen die Eiszeiten und vernichteten den Lorbeerwald auf dem europäischen Kontinent. Nur auf den Kanaren – weit genug im Atlantik, mild genug im Klima – überlebte er.

Das Erdzeitalter Tertiär: Als Europa ein Lorbeerwald war
Vor 40–60 Millionen Jahren herrschte auf der Nordhalbkugel ein feuchtes, subtropisches Klima. Die Regenwälder der heutigen Tropen erstreckten sich bis in das, was heute Deutschland und Großbritannien ist. Ein wesentlicher Teil dieser Wälder war Laurisilva – Wald aus Lorbeer-, Myrten- und Teestrauchwächsen, die heute nur noch auf den Kanarischen Inseln, den Azoren, Madeira und kleinen Resten auf der Iberischen Halbinsel überleben.

Die Eiszeiten: Fast das Ende des Lorbeerwalds
Vor etwa 2,6 Millionen Jahren begannen die Eiszeiten. Temperaturen auf dem Kontinent fielen dramatisch. Der Lorbeerwald war nicht frosttolerant – er starb. Auf dem europäischen Festland, in Nordafrika, in Asien: ausgestorben. Nur die Kanarischen Inseln lagen weit genug im Atlantik, um von den kontinentalen Gletschern verschont zu bleiben. Milde Temperaturen, konstante Feuchtigkeit durch den Nordostpassat, isolierte Insellage: Der Lorbeerwald überlebte.

Warum gerade die Kanaren?
Drei Faktoren erklären das Überleben der Laurisilva auf den Kanaren:
1. Atlantische Lage: Die Kanaren liegen ca. 100 km vor der afrikanischen Küste im Atlantik. Die Gletschermassen der Eiszeiten erreichten die Inseln nicht.
2. Nordostpassat: Konstante Feuchtigkeitszufuhr aus dem Atlantik. Der Lorbeerwald braucht 60–80% relative Luftfeuchtigkeit – der Passat liefert sie.
3. Stabiles Klima: Die Meeresumlagerung stabilisiert das Klima auf den Kanaren: Sommer nicht zu heiß, Winter nicht zu kalt. Perfekt für den Lorbeerwald.

Der Lorbeerwald heute: Was übrig blieb
Die Laurisilva der Kanaren ist eine der bedeutendsten Rückzugslandschaften der Welt. Auf Teneriffa (Anaga), La Gomera (Garajonay), La Palma und El Hierro überleben die letzten großen Bestände. Der Garajonay auf La Gomera ist seit 1986 UNESCO-Weltnaturerbe. Das Anaga ist seit 2015 UNESCO-Biosphärenreservat.
Was diese Wälder so wertvoll macht: Ihre Arten sind lebende Relikte des Tertiärs. Woodwardia radicans (Wurzelnder Kletterfarn), Persea indica (Til), Laurus azorica (Kanaren-Lorbeer) – Pflanzen, die 40 Millionen Jahre überlebt haben und sonst nirgends auf der Welt in dieser Gemeinschaft wachsen.

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Fazit
Der Anaga-Lorbeerwald ist keine Touristenattraktion – er ist ein lebendiges Stück Erdgeschichte. 40 Millionen Jahre Überleben, zwei Kontinente des Ausruhens, ein Refugium auf einem Vulkankegel im Atlantik: Das ist die Laurisilva des Anaga.
Häufige Fragen
Als Vegetationstyp ist die Laurisilva ca. 40 Millionen Jahre alt (Tertiär). Der heutige Anaga-Wald ist das direkte Nachfahre dieser Urvegetation.
Die Kanaren lagen während der Eiszeiten klimatisch stabil und wurden von Kontinentalgletschern nicht erreicht. Der Nordostpassat lieferte konstante Feuchtigkeit.
Historisch durch Abholzung stark reduziert. Heute unter strengem Schutz (UNESCO). Größte Gefahr: Klimawandel und Veränderung des Passatsystems.
Dieser Artikel basiert auf dem Vor-Ort-Wissen des Gequo-Redaktionsteams – Betreiber von Sunhikes.com. Stand: April 2026


