Versunken in Jahrmillionen – der Lorbeerwald des Anaga-Gebirges

Vor rund 15–20 Millionen Jahren bedeckte der Lorbeerwald – die sogenannte Laurisilva – weite Teile Europas und Nordafrikas. Als das Klima kälter und trockener wurde, verschwand er fast vollständig vom Kontinent. Fast: Auf den Kanarischen Inseln, Madeira und den Azoren überlebte er in Rückzugsgebieten. Das Anaga-Gebirge auf Teneriffa beherbergt heute einen der am besten erhaltenen Lorbeerwälder der Erde – ein lebendiges Stück Tertiär, mitten im Atlantik.

Die Laurisilva des Anaga ist seit 2015 Teil des UNESCO-Biosphärenreservats Anaga und damit international als besonders schützenswertes Ökosystem anerkannt. Wer durch diesen Wald wandert, bewegt sich durch ein Naturarchiv – eine Welt, die anderswo in Europa längst verschwunden ist.

Laurisilva des Anaga-Gebirges
Laurisilva des Anaga-Gebirges

Was ist die Laurisilva? Entstehung und Bedeutung

Der Begriff Laurisilva (von lat. laurus = Lorbeer, silva = Wald) bezeichnet einen immergrünen Feuchtwald, der typischerweise zwischen 500 und 1.200 Metern Höhe wächst und auf eine beständige Feuchtigkeitsversorgung durch Wolken und Nebel angewiesen ist. Der Nordostpassat bringt feuchte Atlantikluft an die Nordflanken des Anaga – und genau dort, an den Kamm- und Steilhanglagen, entfaltet die Laurisilva ihre volle Pracht.

Das Besondere: Im Anaga-Lorbeerwald wachsen noch heute Pflanzenarten, die im europäischen Festland durch Eiszeiten und Klimawandel ausgelöscht wurden. Wissenschaftler bezeichnen ihn deshalb als »lebendes Fossil« – ein Ökosystem, das anderswo nur noch aus dem Fossilbuch bekannt ist.

Laurisilva des Anaga
Laurisilva des Anaga

Warum gerade das Anaga?

Das Anaga-Gebirge liegt auf der Luv-Seite Teneriffas – dem Wind zugewandten Nordosten. Hier stauen sich die Passatwolken an den Kämmen und spenden dem Wald das Wasser, das er braucht. Gleichzeitig schützt die Abgeschiedenheit des Massivs vor landwirtschaftlicher Übernutzung. Das Ergebnis: einer der artenreichsten und intaktesten Lorbeerwälder der gesamten Makaronesischen Region.

Die wichtigsten Baumarten des Anaga-Lorbeerwalds

Kanaren-Lorbeer (Laurus azorica): Der Namenspatron des Waldes. Immergrün, bis 15 Meter hoch, mit elliptischen Blättern. Er unterscheidet sich vom Echten Lorbeer, auch Gewürzlorbeer (Laurus nobilis) durch weniger aromatische Blätter und eine glatte, graue Borke.

Til (Ocotea foetens): Einer der mächtigsten Bäume des Anaga. Bis 40 Meter hoch, mit einer Borke, die bei Reibung unangenehm riecht – daher der Beiname »Stinklorbeer«. Selten, aber im Anaga noch vorhanden.

Indische Persea (Persea indica): Mit großen, ledrigen Blättern und schwarzen Früchten. Charakteristisch für feuchte, geschützte Waldlagen.

Baumheide (Erica arborea): Wächst vor allem an den Kammlagen, wo der Lorbeerwald lichter wird. Wird bis 7 Meter hoch.

Gagelbaum / Fayal (Myrica faya): Begleitet den Lorbeerwald in etwas trockeneren Bereichen. Mit  leuchtend roten bis violetten Beeren und einem süßlichem Duft in der Blüte.

Baumheide (Erica arborea)
Baumheide (Erica arborea)

Moose, Farne und Flechten: Das dritte Stockwerk

Der Anaga-Lorbeerwald ist kein Wald mit zwei Stockwerken – er hat drei: die großen Bäume oben, den Unterwuchs aus Farnen und Sträuchern in der Mitte und ein vollständiges Stockwerk aus Moosen und Flechten, das jeden Stein, jeden Ast und jede Borke überzieht. Diese Moosschicht ist nicht dekorativ – sie ist ökologisch entscheidend: Sie hält Feuchtigkeit, verhindert Erosion und ist Lebensraum für Hunderte von Kleinstorganismen.

abgestorbener Baumstumpf mit Farnen und Moosen im Anaga
abgestorbener Baumstumpf mit Farnen und Moosen im Anaga

Beste Spots für Lorbeerwald-Erlebnisse im Anaga

El Pijaral: Der am besten erhaltene Lorbeerwald-Abschnitt des Anaga. Kostenlose Genehmigung erforderlich.

Cruz del Carmen / Sendero de los Sentidos: Barrierefrei, 1 km, direkt ab Besucherzentrum. Ideal für Einsteiger.

Chinobre Rundwanderung: 6,7 km, leicht – durch die stimmungsvollsten Hohlwege und Nebelwaldpassagen des Anaga.

Monte de Aguirre: Genehmigungspflicht (max. 20 Personen/Tag). Der artenreichste Bereich des Schutzgebiets.

🔒 Schutzgebiet El Pijaral: Für El Pijaral ist eine kostenlose Genehmigung über tenerifeon.es erforderlich. Neue Kontingente werden montags um 07:00 Uhr (Kanarische Zeit) freigeschaltet. Maximal 45 Personen pro Tag — frühzeitig buchen!

🌿 Biosphärenreservat: Das Anaga-Gebirge ist seit 2015 UNESCO-Biosphärenreservat. Bitte Wege nicht verlassen, keine Pflanzen oder Tiere mitnehmen — Wildcampen und Lagerfeuer sind verboten.

Praktische Tipps

Fazit

Der Lorbeerwald des Anaga-Gebirges ist eines der außergewöhnlichsten Naturerlebnisse Europas: ein lebendes Fossil aus dem Tertiär, voller endemischer Arten, Moose und Farne, Nebel und Stille. Wer ihn einmal erlebt hat, versteht, warum das Anaga zum UNESCO-Biosphärenreservat erklärt wurde.

Häufige Fragen

Was ist die Laurisilva?

Ein immergrüner Feuchtwald, der im Tertiär (vor 15–20 Mio. Jahren) weite Teile Europas bedeckte. Auf den Kanaren überlebte er die Eiszeiten – das Anaga beherbergt einen der besterhaltenen Bestände der Welt.

Warum ist der Anaga-Lorbeerwald ein UNESCO-Biosphärenreservat?

Wegen seiner außergewöhnlichen Artenvielfalt, des hohen Endemismus (viele Pflanzen kommen nur hier vor) und seiner Funktion als Relikt eines globalen Ökosystems, das anderswo verloren gegangen ist.

Welcher ist der beste Lorbeerwald-Spot im Anaga?

El Pijaral (Genehmigung nötig) ist der am besten erhaltene Bereich. Für einen Einstieg ohne Vorabplanung: Sendero de los Sentidos bei Cruz del Carmen (1 km, barrierefrei).

Welche Tiere leben im Anaga-Lorbeerwald?

Lorbeertaube, Kanarentaube, Kanarengirlitz, endemische Eidechsen (Gallotia galloti), Kanarische Spitzmaus und zahlreiche Insekten und Wirbellose.

Dieser Artikel basiert auf dem Vor-Ort-Wissen des Gequo-Redaktionsteams – Herausgeber der Reisezeit-Wanderführer für Teneriffa und Betreiber von Sunhikes.com. Stand: April 2026