Farne, Moose & Flechten – das grüne Unterleben des Anaga-Lorbeerwalds
Wer durch den Anaga-Lorbeerwald wandert und nur nach oben schaut, sieht die Hälfte nicht. Das eigentliche Wunder des Waldes spielt sich auf Augenhöhe – und darunter – ab: Farne so groß wie Sonnenschirme, Moose so dick wie Kissen, Flechten in hundert verschiedenen Formen an jedem Ast und Fels. Das Anaga-Gebirge beherbergt über 200 Moosarten – mehr als ganze europäische Länder – und einige der seltensten Farne des Atlantiks.
Dieser Artikel führt durch die faszinierende Unterwelt des Lorbeerwalds: Welche Arten gibt es, wo findet man sie, und wie fotografiert man sie am besten? Für Botanik-Interessierte, Makro-Fotografen und alle, die den Wald mit anderen Augen sehen wollen.

Die Farne des Anaga: Riesen aus dem Tertiär
Woodwardia radicans (Wurzelnder Kettenfarn): Der König der Anaga-Farne. Bis zu 2,5 Meter lang, hängend aus Felswänden und Baumästen wachsend, mit breiten, arkadenförmigen Wedeln. Er ist ein direkter Nachkomme der Tertiär-Vegetation und kommt weltweit nur noch in wenigen Refugien vor – das Anaga gehört dazu. Man erkennt ihn sofort: Zu groß, zu dramatisch, zu prähistorisch für einen normalen Wald.
Asplenium hemionitis (Efeufarn): Mit herzförmig-pfeilförmigen Blättern, die auf den ersten Blick gar nicht wie ein Farn aussehen. Wächst in feuchten Felsspalten und schattigen Mauern. Endemisch für Makaronesien.
Davallia canariensis (Kanarischer Hasenpfotenfarn): Wächst auf Felsen und Baumstämmen – mit kriechendem, pelzigem Rhizom, das dem Farn seinen Namen gibt. Endemisch für die Kanaren und die Iberische Halbinsel.
Dryopteris oligodonta: Typischer Waldbodendeckungsfarn des Anaga, in dichten Kolonien unter dem Kronendach.

Wo man die spektakulärsten Farne findet
Die größten Woodwardia radicans-Exemplare findet man an feuchten Felswänden entlang der Schluchten und in El Pijaral. Asplenium hemionitis bevorzugt Mauern und Felsritzen im Bereich Cruz del Carmen und Chinamada. Wer gezielt Farne sucht, geht früh und nach einem Regentag – die Wedel sind dann am frischesten.
Die Moose des Anaga: 200 Arten auf einem Gebirge
Das Anaga-Gebirge ist ein Moos-Paradies – und das ist keine Übertreibung. Über 200 Moosarten wurden dokumentiert, viele davon endemisch für die Makaronesische Region. Moose sind im Ökosystem Lorbeerwald nicht Dekoration, sondern ökologisch entscheidend: Sie halten Feuchtigkeit, verhindern Erosion, bieten Lebensraum für Kleinstorganismen und transportieren Wasser innerhalb des Waldsystems.
Besonders eindrücklich sind die Stamm-Moose (Bryophyta) auf alten Lorbeerbäumen: Schichten von 5–20 Zentimetern Dicke, die jeden Zentimeter der Borke überziehen. In El Pijaral und auf der Chinobre Runde findet man Moosbäume, die mehr Moosbiomasse tragen als Holzbiomasse. Das ist die Lorbeerwald-Ökologie in ihrer reinsten Form.
Moose zum Anfassen: Der Sendero de los Sentidos
Auf dem Sendero de los Sentidos bei Cruz del Carmen ist das Berühren der Moose ausdrücklich erwünscht. Hier kann man die unterschiedlichen Texturen – von samtweich bis borstig – direkt erleben. Ein kleines sensorisches Erlebnis, das den Lorbeerwald greifbar macht.

Flechten: Die Symbiose an jedem Ast
Flechten sind Doppelwesen – eine Symbiose aus Pilz und Alge (oder Cyanobakterie), die in dieser Kombination viel rauer Umwelt trotzt als jeder der Partner allein. Im Anaga-Lorbeerwald bedecken Flechten buchstäblich jede verfügbare Fläche: Äste, Rinde, Felsen, sogar den Waldboden in manchen Bereichen.
Die häufigsten Typen im Anaga sind Krustenflechten (flach auf Rinde oder Fels), Blattflechten (mit lappigen Strukturen) und Strauchflechten (frei hängend, wie das berühmte Bartflechten (Usnea) – auch Baumbart genannt – das an vielen Lorbeerbäumen hängt und dem Wald seinen urwäldlichen Charakter verleiht.
Makro-Fotografie-Tipps für Farne, Moose und Flechten
Für gelungene Makro-Fotos im Lorbeerwald: Stativ mitnehmen (Belichtungszeiten im gedämpften Waldlicht sind lang). Ein Makro-Objektiv (100mm) zeigt Moosdetails, die das Auge kaum sieht. Regentage oder direkt danach sind die besten Bedingungen – alles leuchtet, Wasserperlen an den Wedeln. Diffuses Licht ist besser als direktes Sonnenlicht (das erzeugt harte Schatten im Waldinneren). Den Farbkontrast von sattem Grün gegen dunkle Borke nutzen.
🌿 Biosphärenreservat: Das Anaga-Gebirge ist seit 2015 UNESCO-Biosphärenreservat. Bitte Wege nicht verlassen, keine Pflanzen oder Tiere mitnehmen — Wildcampen und Lagerfeuer sind verboten.

Praktische Tipps
- Woodwardia radicans: El Pijaral für die größten Exemplare
- Moose anfassen: Sendero de los Sentidos (1 km, barrierefrei) – ausdrücklich erlaubt
- Makro-Foto: Stativ + 100mm Makro + Regentag = perfekte Bedingungen
- El Pijaral: Höchste Artenvielfalt – Genehmigung montags 07:00 Uhr tenerifeon.es
- Beste Zeit: Oktober–April – Farne am frischesten, Moose am saftigsten
- Bartflechten (Usnea): An alten Lorbeerbäumen im Chinobre-Bereich gut sichtbar
Fazit
Der Anaga-Lorbeerwald lebt nicht nur in den Baumkronen – er lebt in jedem Moos, jedem Farn, jeder Flechte. Wer lernt, diese Unterwelt zu sehen, erlebt den Wald in einer neuen Dimension. Über 200 Moosarten, Riesenfarne aus dem Tertiär und Flechten an jedem Ast – das ist das grüne Wunder des Anaga.
Häufige Fragen
Ein bis zu 2,5 Meter langer Farn, der hängend aus Felswänden wächst. Direkte Nachkomme der Tertiär-Vegetation – eines der imposantesten Naturdenkmäler des Anaga.
Die hohe Luftfeuchtigkeit durch den Nordostpassat, das stabile Mikroklima des Lorbeerwalds und die Abgeschiedenheit schaffen ideale Bedingungen für Mooswachstum. Über 200 Arten sind dokumentiert.
Moose sind eigenständige Pflanzen. Flechten sind eine Symbiose aus Pilz und Alge – technisch kein Moos, aber oft ähnlich aussehend. Im Anaga kommen beide in großer Vielfalt vor.
El Pijaral (Genehmigung nötig) und der Sendero de los Sentidos bei Cruz del Carmen. Nach Regentagen sind alle Standorte besonders eindrücklich.
Dieser Artikel basiert auf dem Vor-Ort-Wissen des Gequo-Redaktionsteams – Herausgeber der Reisezeit-Wanderführer für Teneriffa und Betreiber von Sunhikes.com. Stand: April 2026


