Vegetationszonen im Anaga: Vom Kaktus zum Lorbeerwald in 800 Metern

Auf weniger als 800 Höhenmetern erlebt man im Anaga-Gebirge eine Vegetationsabfolge, die auf dem europäischen Festland Hunderte von Kilometern und ganze Klimazonen umfassen würde: Von der kakteenartigen Wolfsmilch-Zone an der Küste über die trockene Übergangszone bis in den dichten Lorbeerwald auf dem Kamm. Das Anaga ist ein natürliches Schaufenster der kanarischen Vegetationsvielfalt.

Dieser Artikel erklärt die wichtigsten Vegetationszonen des Anaga von unten nach oben – mit den charakteristischen Pflanzenarten, den ökologischen Hintergründen und den besten Wanderwegen zum Beobachten der Übergänge.

Vegetationszonen im Anaga
Vegetationszonen im Anaga

Zone 1: Die Wolfsmilch-Zone (0–300 m)

Die unterste Vegetationszone des Anaga – küstennahe Hänge, sonnige Barrancos, trockene Steillagen – wird dominiert von der Kanarischen Wolfsmilch (Euphorbia canariensis). Diese sukkulente, säulenförmige Pflanze sieht zwar aus wie ein Kaktus, ist aber keiner. Daneben wachsen Tabaiba (Euphorbia regis-jubae), Verode (Kleinia neriifolia) und verschiedene Arten krautiger Dickblattgewächse.

Diese Zone ist trocken, heiß und windexponiert. Die Pflanzen sind auf minimalen Niederschlag eingestellt und nutzen Taufeuchtigkeit als Wasserquelle. Wer von der Küste (Playa Tamadite, Benijo) aufsteigt, durchwandert diese Zone in den ersten 15–30 Minuten.

der Wanderpfad führt durch die felsige Schlucht Barranco de Afur
Wolfsmilch-Zone

Charakterpflanzen der Küstenzone

Kanaren-Wolfsmilch (Euphorbia canariensis): Säulenförmig, bis 3 m hoch, giftig-weißer Milchsaft. Kein Kaktus, aber ähnlich angepasst.

Tabaiba (Euphorbia regis-jubae): Buschig, bis 2 m, weit verbreitet an trockenen Hängen.

Verode (Kleinia neriifolia): Sukkulenter Halbstrauch, grau-grün, an Felsen.

Cardón (Euphorbia canariensis): Im engeren Sinne: der große säulenförmige Euphorbia mit verzweigten Ästen.

Zone 2: Die Übergangszone (300–600 m)

Zwischen der trockenen Küstenzone und dem Lorbeerwald liegt eine botanisch interessante Übergangszone: Hier kommen beide Welten in Kontakt. Die Baumheide (Erica arborea) beginnt hier, ebenso wie Strauchige Ginster-Arten (Teline canariensis) und erste vereinzelte Lorbeerbäume. Die Vegetation wird dichter, der Boden feuchter, die Temperaturen angenehmer.

Diese Zone ist besonders gut auf der Wanderung Chamorga – Montaña de Tafada zu beobachten: Vom Lorbeerwald auf dem Kamm aus kann man sehen, wie die Vegetation mit abnehmender Höhe steppenartiger wird.

Moosbedeckter Wanderweg im Lorbeerwald beim Pico del Ingles
Übergangszone

Zone 3: Der Lorbeerwald (600–1.000 m)

Ab ca. 600 Metern setzt der Lorbeerwald ein – die typischste und charakteristischste Vegetationszone des Anaga. Kanaren-Lorbeer, Til, Viñátigo und Baumheide bilden das Grundgerüst. In dieser Zone liegt das Besucherzentrum Cruz del Carmen, der Sendero de los Sentidos, El Pijaral. Die höchste Artendichte, die dickste Moosschicht, die meisten endemischen Pflanzen.

Lorbeerwald beim Cruz del Carmen im Anaga-Biossphärenreservat
Lorbeerwald

Der Passat und der Lorbeerwald: Eine Liebesgeschichte

Der Nordostpassat bringt feuchte Atlantikluft an die Nordflanken des Anaga-Kamms. Wenn diese Luft auf die Berge trifft, kühlt sie ab und kondensiert: Nebel entsteht. Dieser Nebel ist das Lebenswasser des Lorbeerwalds – er ersetzt in niederschlagsarmen Sommermonaten den Regen. Ohne den Passat kein Lorbeerwald, ohne Lorbeerwald kein Anaga wie es heute existiert.

heraufziehende Wolken im Anaga-Gebirge
Aufziehende Wolken am Mirador El Bailadero – mystische Stimmung im Anaga-Gebirge auf Teneriffa

Zone 4: Die Kammlagen (über 900 m)

Oberhalb der dichten Lorbeerwaldzone, auf exponierten Kammlagen und Windseiten, wird die Vegetation wieder offener und karger. Hier dominieren Baumheide (oft kniehoch, windgeformt), Ginster-Arten und Gräser. Der Boden ist flacher, das Substrat felsiger. Der Mirador Pico del Inglés liegt in dieser Übergangszone. An klaren Tagen sieht man von hier aus das Meer auf beiden Seiten.

Kammlagen

🌿 Biosphärenreservat: Das Anaga-Gebirge ist seit 2015 UNESCO-Biosphärenreservat. Bitte Wege nicht verlassen, keine Pflanzen oder Tiere mitnehmen — Wildcampen und Lagerfeuer sind verboten.

Praktische Tipps

Fazit

Auf 800 Höhenmetern vier verschiedene Vegetationszonen – das ist das Anaga-Gebirge. Von der kakteenartigen Wolfsmilchzone an der Küste bis zum moosbeladenen Lorbeerwald auf dem Kamm: Keine andere Region Teneriffas zeigt die botanische Vielfalt der Insel so komprimiert und so eindrücklich.

Häufige Fragen

Wann wechselt die Vegetation im Anaga von trocken zu feucht?

Ab ca. 600 Metern Höhe setzt der Lorbeerwald ein. Die Übergangszone zwischen Küstenvegetation und Lorbeerwald liegt zwischen 300 und 600 Metern.

Warum gibt es im Anaga so viele verschiedene Pflanzenarten?

Die starken Höhengradienten auf kurzer Strecke, der Nordostpassat und die geologische Vielfalt schaffen sehr unterschiedliche Mikrohabitate – jedes mit eigenen Spezialisten.

Wo sieht man alle Vegetationszonen auf einmal?

Die Wanderung von Afur zur Playa Tamadite oder Chamorga – Montaña de Tafada führen durch alle Zonen. Auch vom Mirador Pico del Inglés aus ist die Zonierung gut zu erkennen.

Dieser Artikel basiert auf dem Vor-Ort-Wissen des Gequo-Redaktionsteams – Herausgeber der Reisezeit-Wanderführer für Teneriffa und Betreiber von Sunhikes.com. Stand: April 2026