Pilze & Flechten im Anaga-Nebelwald – die unterschätzten Schätze
Im Anaga-Lorbeerwald gibt es eine Welt jenseits der Bäume und Farne – eine Welt, die die meisten Besucher kaum wahrnehmen: die Pilze und Flechten des Nebelwalds. Unsichtbar für den eiligen Blick, aber von enormer ökologischer Bedeutung. Flechten überziehen jeden verfügbaren Ast, Stein und Borkenfleck. Pilze erschließen in den Herbstmonaten die Waldböden. Zusammen bilden sie ein Netzwerk, ohne das der Lorbeerwald nicht funktionieren würde.

Flechten im Anaga-Lorbeerwald: Zwischen Baum und Luft
Flechten sind keine Pflanzen – sie sind Symbiosen aus Pilz und Alge (oder Cyanobakterie). Der Pilz gibt Struktur und Schutz, die Alge photosynthetisiert. Im Anaga-Nebelwald haben diese Symbionten ideale Bedingungen: Hohe Luftfeuchtigkeit, gedämpftes Licht, stabile Temperaturen, alte Baumoberflächen.
Die häufigsten Flechtentypen im Anaga:
Usnea (Bartflechten): Die berühmtesten Flechten des Lorbeerwalds – hängend, grau-grün, wie Bart oder Lametta. Können bis zu 30 cm lang werden. An alten Lorbeerbäumen und Tils in El Pijaral und auf der Chinobre-Runde gut sichtbar. Usnea ist ein Bioindikator für Luftqualität: Wo sie wächst, ist die Luft sauber.
Lobaria pulmonaria (Lungenflechte): Mit lappiger, lungenähnliche Struktur auf der Oberfläche. Grün-grau, groß, an Baumstämmen. Auch Bioindikator – nur in unberührten Waldökosystemen.
Parmelia (Schildflechten): grau-grün bis braun-grün gefärbt, blattartig auf Felsen und Borke. Im Anaga sehr häufig.
Krustenflechten: Direkt in die Borke eingewachsen, kaum erkennbar als Einzelorganismus. Sie treten in sehr verschiedenen Farben von rot bis grau auf.

Flechten als Bioindikatoren
Die Vielfalt und Größe der Flechten im Anaga ist nicht nur ästhetisch bemerkenswert – sie ist wissenschaftlich bedeutsam. Bartflechten (Usnea) und Lungenflechte (Lobaria) wachsen nur in sehr sauberer Luft und ungestörten Waldökosystemen. Ihr Vorkommen im Anaga ist ein Beweis für die außergewöhnliche Luftqualität und den hohen Grad an Unberührtheit des Lorbeerwalds.
Pilze im Anaga-Lorbeerwald: Herbstschätze
Die Pilzvielfalt des Anaga-Lorbeerwalds ist wissenschaftlich noch nicht vollständig erfasst – ein seltenes Forschungsfeld auf einer sonst gut untersuchten Insel. Was bekannt ist: Im Herbst (Oktober–Dezember), wenn die ersten Regenfälle kommen, schießen Fruchtkörper aus dem Waldboden, den Stämmen und dem Totholz. Manche sind essbar, viele unbekannt, einige giftig.
Typische Pilz-Habitate im Anaga:
Totholz: Saprotrophe Pilze (Holzzersetzer) sind im Lorbeerwald besonders häufig. Lorbeerholz zersetzt sich langsam – perfekte Bedingungen für mehrjährige Pilzkörper.
Waldboden: Mykorrhiza-Pilze (in Symbiose mit Baumwurzeln) erschließen im Herbst große Bereiche des Waldbodens. Besonders häufig unter Lorbeerbäumen und Tils.
Fels und Moos: Einige spezialisierte Arten wachsen direkt auf Moospolstern oder Flechtenteppichen.

Darf man Pilze im Anaga sammeln?
Das Sammeln von Pilzen im Biosphärenreservat Anaga ist reguliert – und faktisch für Touristen kaum praktikabel. Das Mitnehmen von Pflanzen, Pilzen und Tieren ist verboten. Pilze dürfen nur in sehr begrenzten Mengen für den Eigengebrauch gesammelt werden (kanarisches Umweltrecht). Im Kern: Im Anaga wandern und beobachten, nicht sammeln.
Makro-Fotografie von Flechten und Pilzen
Flechten und Pilze sind kleine Objekte – ein Makro-Objektiv (60–100mm) ist ideal. Für Bartflechten (Usnea): Weitwinkel mit engem Fokus gegen den Hintergrund des Lorbeerwalds. Für Krustenflechten auf Fels: direkte Aufsicht, diffuses Licht. Für Pilze: bodennah, Stativ, 1:1 Abbildungsmaßstab.
Beste Bedingungen: Regentag oder direkt danach. Moose und Flechten sind nach Regen satter grün und frischer. Pilze erscheinen 2–3 Tage nach Niederschlag. Beste Zeit: Oktober bis Dezember für Pilze, ganzjährig für Flechten.
🌿 Biosphärenreservat: Das Anaga-Gebirge ist seit 2015 UNESCO-Biosphärenreservat. Bitte Wege nicht verlassen, keine Pflanzen oder Tiere mitnehmen — Wildcampen und Lagerfeuer sind verboten.
Praktische Tipps
- Bartflechten (Usnea): El Pijaral und Chinobre-Runde – älteste Bäume, größte Flechten
- Pilze: Oktober–Dezember nach ersten Herbstregen – Totholz und Waldboden
- Makro-Fotografie: 60–100mm Makro + Stativ + diffuses Licht
- Regentag: Beste Bedingungen – Flechten leuchten, Pilze frisch
- Nicht sammeln: Biosphärenreservat – Pilze und Flechten mitnehmen verboten
- Lungenflechte (Lobaria pulmonaria): Zeiger für saubere Luft – Vorkommen im Anaga dokumentieren
Fazit
Pilze und Flechten sind die unsichtbaren Herrscher des Anaga-Lorbeerwalds: Bartflechten als Bioindikatoren für saubere Luft, Pilze als Recycler und Symbionten. Wer diese Welt entdeckt, sieht den Lorbeerwald mit neuen Augen.
Häufige Fragen
Eine hängende, grau-grüne Flechte, die an alten Bäumen im Lorbeerwald wächst. Bioindikator für saubere Luft – wo Usnea wächst, ist das Ökosystem intakt.
Nur wenn man die Art sicher bestimmt hat. Viele Arten sind unbekannt oder giftig. Im Biosphärenreservat gilt: Beobachten, nicht sammeln.
Oktober bis Dezember nach den ersten Herbstregens – dann erscheinen Fruchtkörper auf Totholz und Waldboden.
Lobaria pulmonaria – eine große, lappige Flechte auf Baumstämmen. Bioindikator für ungestörte Waldökosysteme und saubere Luft. Im Anaga vorhanden.
Dieser Artikel basiert auf dem Vor-Ort-Wissen des Gequo-Redaktionsteams – Herausgeber der Reisezeit-Wanderführer für Teneriffa und Betreiber von Sunhikes.com. Stand: April 2026


