9 Millionen Jahre Anaga – wie ein Gebirge aus dem Meer wächst
Das Anaga-Gebirge ist das älteste Stück Teneriffas – und eines der geologisch ältesten Landmassen des gesamten Kanarischen Archipels. Während der Teide erst vor etwa 3 Millionen Jahren zu wachsen begann, ist das Anaga bereits 8–9 Millionen Jahre alt. Dieser Altersunterschied ist nicht nur eine geologische Fußnote – er erklärt die unglaubliche Biodiversität des Anaga, seine tiefen Schluchten und seine mächtigen Basaltformationen.
Dieser Artikel ist eine geologische Reise durch das Anaga: Wie entstand das Massiv? Wie wurden die Barrancos geformt? Was sagen die Felsfarben über die Geschichte des Gebirges? Für alle, die beim Wandern nicht nur schöne Aussichten sehen, sondern die Erde verstehen wollen.

Entstehung des Anaga-Gebirges: Vulkanismus im Atlantik
Vor etwa 8–9 Millionen Jahren begann sich auf dem Boden des Atlantiks ein Vulkanzentrum aufzubauen – dort, wo heute der Nordosten Teneriffas liegt. Vulkanische Ausbrüche häuften Basalt- und Phonolithschichten über dem Meeresspiegel auf. Was damals ein Insel-Vulkan war, ist heute der Nordost-Zipfel einer 2.000 km² großen Insel.
Teneriffa ist keine einheitliche Insel, sondern das Ergebnis von drei ursprünglichen Vulkanzentren, die in verschiedenen geologischen Epochen aktiv waren: das Anaga-Massiv im Nordosten (ältestes, ca. 8–9 Mio. Jahre), das Teno-Massiv im Nordwesten (ca. 6–7 Mio. Jahre) und das Adeje-Massiv im Südwesten (Roque del Conde, ca. 6,1 Mio. Jahre). Diese drei Massive bildeten die ursprünglichen „Inselkerne“ – lange Zeit voneinander getrennte Vulkaninseln im Atlantik.
Der Cañadas-Zentralvulkan ist gewissermaßen der „Klebstoff“, der sie zusammenhält: Durch seine gewaltigen Eruptionen über die letzten rund 3 Millionen Jahre füllten sich die Zwischenräume zwischen den alten Massiven mit Lava und vulkanischem Material auf – und formten so die charakteristische Dreiecksform der heutigen Insel. Der Teide, ihr aktives Zentrum, ist das sichtbare Ergebnis dieses Prozesses.
Warum ist das Anaga so hoch erodiert?
Je älter ein Vulkanmassiv, desto mehr Zeit hatte Erosion, es abzubauen. Das Anaga ist nach Millionen von Jahren Wind, Regen und Meeresbrandung ein stark erodiertes Rumpfgebirge – die ursprünglichen Vulkankegel sind längst abgetragen. Was übrig bleibt, sind die härtesten Gesteinsmassen: Basaltintrusionen, Phonolithlakkolithe und die Los Roques de Anaga (Basaltplutons).

Die Barrancos: Wie tiefe Schluchten entstehen
Die tiefen Barrancos (Schluchten) des Anaga sind das eindrücklichste Ergebnis der langen Erosionsgeschichte. Regenwasser schneidet seit Jahrmillionen durch das Vulkangestein – anfangs langsam, dann immer tiefer. Der Barranco de Afur, der Barranco de Taganana und der Barranco de Chamorga sind keine zufälligen Einschnitte – sie folgen alten Verwerfungslinien und Kontaktzonen zwischen verschiedenen Gesteinstypen.
Die Tiefe der Barrancos erklärt auch das Mikroklima des Anaga: In den Schluchten staut sich Feuchtigkeit, die Temperaturen sind kühler, die Vegetation dichter. Wo der Barranco tief und schattig ist, wächst der artenreichste Lorbeerwald.

Gesteinsarten im Anaga: Was man beim Wandern sieht
Basalt: Dunkles, schweres Vulkangestein – der häufigste Gesteinstyp im Anaga. Bildet die dunklen Klippen, Felsnadeln (Los Roques) und viele der Wanderwegoberflächen. Der Roque de Taborno besteht aus Basalt.
Phonolith: Heller, klingendes Vulkangestein (klingt beim Anschlagen metallisch – daher der Name). Im Anaga seltener als am Teide, aber in einigen Kammlagen vorhanden.
Tuff: Lockeres, poröses Vulkangestein aus Asche und Lapilli. In den Barrancos häufig – erklärt, warum Höhlen (wie in Chinamada) in diese Gesteine gegraben werden konnten.
Rote Lava: An Roque Bermejo und einigen Küstenabschnitten: rötliche bis orange Lavafelsen, entstanden durch oxidiertes Eisen im Gestein.
Die alten Verbindungswege: Geologie und Menschengeschichte
Viele der alten Caminos Reales (Königswege) im Anaga folgen geologischen Strukturen: Sie nutzen Gesteinsrippen als natürliche Kammwege, meiden rutschige Tufflagen und wählen Basaltplatten als stabilste Untergründe. Wer diese Wege geht, folgt nicht nur menschlicher Geschichte – er folgt der Erdgeschichte.

🌿 Biosphärenreservat: Das Anaga-Gebirge ist seit 2015 UNESCO-Biosphärenreservat. Bitte Wege nicht verlassen, keine Pflanzen oder Tiere mitnehmen — Wildcampen und Lagerfeuer sind verboten.
Praktische Tipps
- Roque de Taborno: Klassisches Basalt-Monolith – Fotomotiv für Geologie-Fans
- Los Roques: Basaltplutons – vom Faro de Anaga bestens sichtbar
- Tuffstein: In Chinamada anfassen – weich und porös, ideal für Höhlenräume
- Rote Lava: Roque Bermejo – orange-rötliche Felsen einzigartig im Anaga
- Barrancos: Tief = alt = artenreich – je tiefer die Schlucht, desto besser der Wald
Fazit
Das Anaga-Gebirge ist ein offenes Geologiebuch: 9 Millionen Jahre Vulkanismus, Erosion und Plattentektonik in einer Wanderregion. Wer versteht, wie Basalt, Tuff und Barrancos entstanden sind, wandert mit anderen Augen – und versteht, warum das Anaga so einzigartig ist.
Häufige Fragen
Ca. 8–9 Millionen Jahre – das älteste Massiv Teneriffas und eines der ältesten der gesamten Kanarischen Inseln.
Durch millionenjährige Erosion durch Regenwasser, das entlang von Verwerfungslinien und Gesteinsübergängen in den Vulkanfels einschnitt.
Verschiedene Gesteine: Schwarzer Basalt (häufig), heller Phonolith, poröser Tuff, rötliche Oxidationslavafelsen (Roque Bermejo). Jede Farbe erzählt eine andere vulkanische Episode.
Basaltplutons – härtere Gesteinsmassen, die nach dem Abtrag des umgebenden Gesteins übrig blieben und heute als Felsnadeln aus dem Meer ragen.
Dieser Artikel basiert auf dem Vor-Ort-Wissen des Gequo-Redaktionsteams – Herausgeber der Reisezeit-Wanderführer für Teneriffa und Betreiber von Sunhikes.com. Stand: April 2026


